Corona, die ITB und ein Fetisch-Hotel in Afrika.

Gelächter erklingt aus der Frauengruppe, die sich mittlerweile in Richtung der Hotelbar bewegte. Shaunas Mitarbeiterinnen blicken zu uns herüber. Ihre Chefin berührt mich unaufgefordert am Arm und überreicht mir ein Flugblatt mit deutscher Schrift. Dieses stamme, erklärt mir Shauna und grinst, aus einer ersten Druckcharge, die ihr nicht erlaubt worden sei, auf der ITB auszulegen. „Too obscene“, schnaubt Shauna und blickt mich auffordernd an, ihre Entrüstung zu teilen. Bei allem Respekt: Ich kann es nachvollziehen.

Das Flugblatt zeigt eine lässig in einem Sessel sitzende afrikanische Frau in hohen Hacken, einen Fuß auf einem nackten weißen Mann, der zu ihren Füßen kniet, abgestellt. Auf einer stilisierten Sonne prangt der Name des Hotels und ein fetter Copytext verspricht: „Tägliche Schulungen von unserem Fachpersonal garantieren Erfolge, die auch zurück in der Heimat erhalten bleiben.“ Meine Gedanken rotieren.

„Nicht dein Ding, Hun?“, fragt Shauna und streichelt mir erneut über den Arm, „sorry.“ Ich behalte den Flyer jedoch und erkläre ihr, dass ich mich gerne ausgiebiger mit ihr über das Hotel Succubus unterhalten möchte. Shauna ist – nachdem ich ihr zusichere, mich mit Journalismus und dank unseres Blogs sogar im Fetisch ein wenig auszukennen – begeistert und wir verabreden uns zu einem Gespräch am folgenden Morgen.

Mich hält es eine gewisse Zeit im Foyer des Hotels, denn Shaunas zwölf quirlige Kolleginnen haben eine Hälfte der Hotelbar zu einer Hotel Succubus Spontanverkaufsveranstaltung erklärt. Ich beobachte, wie einzelne Hotelgäste interessiert näher kommen und sich mit den jungen Afrikanerinnen unterhalten. Bei jedem einzelnen dauert es genauso lange wie bei mir, bis der Groschen fällt. „Ne“, urteilt eine Frau im Hosenanzug in schönster Berliner Schnauze, „dit is‘ so’n Swinger-Ding, wa? Gibbet dit jet‘ ooch in Afrika?“ Shaunas Damen machen gute Miene zum bösen Spiel und erklären geduldig, was es mit dem Hotel Succubus auf sich hat. Ein Prosecco hilft. Ich lausche gebannt.

„Der Gedanke war zunächst weniger fetischistisch, als man meinen sollte. Es ging immer primär darum, ein Forum zu schaffen. Letzten Endes ist es unsere Kultur. Es war der Westen, der das Schlagwort FemDom darauf klatschte und uns zu Amazonen erklärte.“ Sagt mir Shauna bei unserem kleinen Treffen am nächsten Morgen. Ich habe eine Million Fragen an Shauna und Ihre Stammesgenossinnen. Weshalb habe ich noch nie von ihrem Stamm gehört? Ist es nicht die perverseste Form kultureller Aneignung, reale Tradition mit BDSM zu verbinden? Mittlerweile habe ich Erfahrung im Betreiben einer Fetischseite und kann sagen: Im imaginären Postfach meines Kopfes stapelten sich die Mails von „SklaveXX67“, der von den „geilen schwarzen Weibern“ ausgepeitscht werden möchte. „Protectionism“, sagt Shauna Akeva achselzuckend, sei „as bad as the racism you fightin’.” Meine Neugier ist keineswegs gestillt. Wo finde ich die Website des Hotels? Nirgends, lautet die Antwort. Man lebe von Empfehlungsmarketing. Auch um das zu verhindern, was mir bereits auf der Zunge lag: „Wir sind nur für Paare und Gruppen zugänglich. Einzelne Männer sind nicht willkommen.“ Shaunas Kundenstamm ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Es gäbe „Mansions“ – also Villen in Deutschland, erklärt sie, denen sie vertraut. Gäste, die mit der Empfehlung der Besitzerinnen oder Besitzer dieser Etablissements bei ihr anfragen, erhielten eher ein Zimmer als Fremde. Sie hält sich bedeckt, was den Ort der Etablissements angeht und macht nur vage Andeutungen, was dort vor sich ginge. Die „Villen“ müssen, so meine Schlussfolgerung, Fetischclubs sein. Oder gewöhnliche Dominastudios, zu deren Betreiberinnen Shauna eine freundschaftliche Beziehung unterhält. Das Prinzip der Flüsterbar auf ein ganzes Fetischistenhotel übertragen.

Das Fetisch Hotel in Afrika

Je länger ich mit Shauna spreche, desto seltsamer komme ich mir vor. Sie gibt nur wenig ihres Wissens preis und ihr eine nicht marketingbezogene Antwort – soll heißen: Eine nicht mit mysteriösem Grinsen dahergesäuselte, nach Geheimnis und Abenteuer in „beautiful Africa“ klingende Antwort – zu entlocken ist schwer. Sie lehnt ein Selfie ab. „Ich bin nicht hier und mein Hotel ist ein Mythos, der immer wieder in den einschlägigen Foren besprochen wird, damit die kleinen weißen Jungs dazu fappen können.“

Der Scan des Flyers. Oder was davon die Rückreise in meiner Handtasche überlebt hat.

Weshalb dann einen Stand auf der ITB mieten, wenn die Kundenakquise so diskret laufen soll? Hier muss sich Shauna geschlagen geben: „Ain’t enough freaks out here to pay the bills“, sagt sie. Der Kundenstamm ist dünn. Den Aufenthalt im Hotel Succubus kann nur buchen, wer eine von Shaunas Vermittlerinnen in wahlweise Deutschland, Frankreich, Kanada oder den USA kennt. Diese muss ihn und seine zwingend vorhandene Partnerin daraufhin für das Hotel empfehlen. Per E-Mail. Mein innerer Ökonom rotiert, dass die entstehende Zentrifugalkraft meinen Kaffee durch bloße Berührung der Tasse umrühren könnte.

Shauna kann die prinzipiell großartige Idee eines „Fetisch-Romantik-Hotels“ in der Wüste nicht zu Geld machen, denn: „Wir entscheiden, wer kommen darf.“ Ein Problem, mit dem sie noch lange zu kämpfen haben wird, wie sie glaubt. „Für einen gewissen Zeitraum nach der ITB hätten die Regeln gelockert werden sollen. Was nicht bedeutet, dass wir nicht mehr kontrolliert hätten, wer kommt. Wir hätten es auf junge Paare und DINKs beschränkt.“ Ich sehe ihr an, dass sie sich über diese Tatsache ärgert und frage nach, weshalb ihr eine absolut notwendige Zielgruppenerweiterung so aufstößt. Sie lächelt nachsichtig und erklärt: „Das Problem sind nicht die Gäste, sondern wir. Wir wollen nur Paare, die eine bestimmte Art von Beziehung führen, die unseren Lebensstil respektieren. Die Grenze zwischen Kult und Perversion ist nicht fließend, sondern clear as day.“

Shauna wirkt unbelehrbar, stur und dabei zugleich charmant. Die Gründerin des Hotel Succubus lässt mich nach einer zärtlichen Umarmung stehen. Die stolze afrikanische selfmade Woman hat ein Dutzend junge Frauen zu beaufsichtigen, die irgendwie zurück in ihr Hotel „in der Wüste und auch am Meer“ gebracht werden wollen.

Wie ich eingangs erwähnte, schaffte es Shauna mit ihrem Hotel Succubus nicht in meinen fertigen Artikel für meinen Arbeitgeber. Der Grund ist selbsterklärend. Schade eigentlich.

~Sandrine für Lalas Blog.


Unsere liebe „Sandrine“ ist mit diesem Artikel ein kleines Wagnis eingegangen, verrät er doch ein paar sehr reale Details über sie. Bitte teilt den Beitrag mit euren Freunden – falls ihr ein kleines Wagnis eingehen wollt.

EDIT: Wir kennen die erwähnten „Etablissements“ in Deutschland nicht und können euch daher auch nicht an die entsprechenden Dominas bzw. Betreiberinnen vermitteln!

War die kleine Lektüre anregend? Würdest du gerne lesen, was im Hotel Succubus so vor sich geht? Bitteschön.