„Du bist nicht würdig, mich in Gänze zu sehen!“ – Zensur als Kink

Ich habe eine kuriose Beobachtung gemacht: Einigen Menschen (vor allem Männern) gefällt es, wenn Bilder attraktiver Frauen zensiert werden. Wir fragen die Sexualtherapeutin Lala Idrisse, weshalb Zensur als Kink funktioniert.


Bestandteil von Team Lala Idrisse zu sein, bedeutet jede Menge erotischer Inhalte zu sehen. Das geht mit einer gewissen Verantwortung über den eigenen Medienkonsum einher. Ich kann nicht immer wenn ich möchte abschalten. Ich muss die Fragen neugieriger Follower beantworten, ich sehe bei jedem Öffnen unserer Social Media Accounts Beiträge ähnlicher Blogs – man folgt schließlich den Kolleginnen und Kollegen der „Branche“, nicht wahr?

Hierin liegt irgendwo ein Self-Care-Thema begraben, das sich zu einem anderen Zeitpunkt zu beleuchten lohnt – heute will ich allerdings auf einen kuriosen erotischen Content-Trend hinaus: Die Bildzensur. Ich meine damit allerdings nicht die Vorgehensweise einiger weiblicher Influencer, ihre Füße zum Selbstschutz in Social Media Beiträgen zu zensieren, sondern die bewusste Zensur von Körperteilen in ansonsten eindeutig erotischen Bildern. Die Captions, also der Begleittext zu den Bildern, zielt oft auf verbale Erniedrigung ab. Der Betrachter sei „nicht würdig“ die Füße der „Herrin“ zu sehen und ähnliche Aussagen.

Wir fragen Lala Idrisse gefragt, weshalb Zensur als Kink funktioniert

Die liebe Lala Idrisse ist Sexualtherapeutin und Erotik-Autorin. Wir haben sie um ihre Meinung gefragt: Weshalb funktioniert die gezielte Zensur von Bildern bei so vielen Männern? Spoiler: Es geht natürlich um das Spiel mit Reiz und Vorenthaltung. Aber auch Aspekte des Medienkonsums fließen in die Anziehungskraft zensierter Inhalte ein.

Hier beginnt die Antwort unserer Expertin Lala Idrisse:

Grund #1: Macht und Kontrolle

Die Vorenthaltung erotischer Inhalte durch die Zensur besitzt in einer Zeit, in der uns jegliche Form von Pornographie so zugänglich ist wie noch niemals zuvor einen logischen Reiz. Wenn jemand entscheidet, dass ein Betrachter etwas nicht sehen darf, entsteht eine Dynamik, bei der der Betrachter das Verbotene noch begehrenswerter findet. Diese Art von Kontrolle kann erotisch aufgeladen sein, da sie mit dem Reiz des Verbotenen spielt.

Bedenkt dabei: Jegliches andere „Fußbild“ ist verfügbar. Nichts hindert den Betrachter daran, die App zu wechseln und kostenlose erotische Inhalte aus aller Welt zu konsumieren. Aber gerade das zensierte Bild löst eine ungeahnte Erregung aus. Eine parallele zu dem uralten Kuriosum des Dessous drängt sich auf: „Das, was du nicht siehst, ist das Interessante.“ Menschen sind schlicht und einfach so gepolt.

Grund #2: (Natürlich) Fetischismus

Um auch das absolut offensichtliche gesagt zu haben: Füße sind natürlich ein häufiges Objekt des Fetischismus. Das bedeutet, dass einige Menschen sexuelle Erregung durch den Anblick oder die Vorstellung von Füßen erfahren. Wenn die Füße verpixelt sind, wird die Vorstellungskraft angeregt und das Interesse verstärkt, da das Objekt der Begierde teilweise verborgen bleibt und die Fantasie des Betrachters angeregt wird.

Grund #3: Der Bruch kultureller Normen und Tabus

Diese Vermutung meinerseits ist ein wenig weiter her geholt, ergibt vor allem aufgrund meiner Arbeit mit jungen Menschen aus konservativen Kulturen Sinn. In vielen Kulturen gibt es Tabus und Normen, die bestimmte Körperteile sexualisieren, auch wenn diese Körperteile normalerweise nicht als sexuell betrachtet werden. Das Verpixeln von Füßen könnte eine subtile Art sein, diese kulturellen Normen zu verstärken und die sexuelle Anziehungskraft durch das Brechen von Tabus zu erhöhen. Hier bin ich aber im Bereich meiner eigenen Spekulationen.

Lala Idrisses Fazit:

    Zusammengefasst spielt dieses Phänomen mit menschlichen Instinkten und psychologischen Mechanismen, die das Verbotene und Exklusive besonders begehrenswert machen. Es ist eine interessante Mischung aus Fetischismus, Machtspielen und der ständigen Verfügbarkeit von Erotik, die dazu führt, dass viele Männer solche zensierten Bilder erotisch finden.

    Danke für die Gelegenheit, mich wieder einmal auf dem Blog zu beteiligen!

    ~Lala Idrisse